Die Beziehung zwischen Angela (Olivia Wilde) und Joe (Seth Rogen) hat schon bessere Zeiten gesehen. Und ausgerechnet jetzt hat Angela die neuen Nachbarn eingeladen. Abgesehen davon, dass Joe nicht den Eindruck hat, dass er überhaupt gefragt wurde, ist er auf die Nachbarn ob ihres lauten nächtlichen Liebesspiels ohnehin schlecht zu sprechen. Angela hingegen will, dass alles perfekt ist. Schon da gehen die Erwartungen auseinander. Und als Pina (Penélope Cruz) und Hawk (Edward Norton) dann die Wohnung betreten, brodelt es an allen Ecken und Enden.
Wer sich mit dem Film in die Wohnung von Joe und Angela begibt (dort findet der gesamte Film statt), der ist schon als Zuschauender in einer vielleicht auch ungewollten voyeuristischen Rolle. Gerade am Anfang scheint es, als würde sich das Paar in kürzester Zeit an die Kehle gehen. Da muss Joe schon mal die Wohnung verlassen, damit sie sich nochmal neu finden können. Der Erfolg ist aber eher mäßig.
Doch genau darin zeigt sich schon früh das verstörend Anziehende dieses Films, nämlich das Spiel mit Erwartungen. Während jeder ja irgendwie erwartet, dass man, wenn schon mal Gäste da sind, irgendwie gute Miene zum bösen Spiel macht, gelingt das Angela und Joe so gar nicht. Und so sitzen die Zuschauenden dann da, mal lachend über die pointierten Dialoge, mal von Fremdscham ergriffen, wenn sich die beiden vor den Nachbarn wieder mal zerlegen. Da klappt gar nichts, könnte man sagen.
Je weiter der Film geht, desto mehr zeigen sich fast alle Charaktere auch als Personen mit gebrochenen oder unerfüllten Erwartungen. Dabei geht es nicht nur, aber doch viel um das Thema Liebe und Sex. Spätestens als Joe schreit, dass Angela als seine Frau ihn doch „lieben solle“, zeigt sich, wie weit Erwartung und Realität auseinander liegen.
Das geht aber nicht nur den Charakteren, sondern auch den Zuschauenden so. Denn vieles in diesem Film kommt eher unerwartet. Immer wieder macht die Story scharfe Turns und lässt die Zuschauenden so eben auch mit ihren eigenen Erwartungen zurück. Vielleicht am Ende auch mit der Erwartung einer großen Story. Denn passieren tut im Film eigentlich nicht so viel. Dafür wird viel gesprochen und Blicke ausgetauscht. Wird auch nicht jeder mögen.
Ursprünglich basiert The Invite auf dem spanischen Film Sentimental von Cesc Gay aus 2020, der wiederum eine theatrale Vorlage hat. Aus Deutschland gab es 2023 mit Die Nachbarn von Oben bereits den Versuch einer Neuverfilmung. Olivia Wildes Verfilmung hat nun aber deutlich mehr zu bieten als nur eine heiße Story. Da ist vor allem der Cast, der eine enorme Energie miteinander entwickelt und dem ich fast jede Emotion abnehme. Da ist eine kluge Kamera samt Schnitt, die es schafft, dass die unterschiedlichen Personen immer wieder anders ins Bild gesetzt werden und so jede auch nicht ausgesprochene Spannung rüberkommt. Und dann ist da noch der sparsame Soundtrack, der aber vor allem auch durch seinen Einsatz tiefer Streicher die Spannung perfekt auf das Publikum überträgt.
An dieser Stelle sei für diesen Film auch mal eine Lanze aus theologischer Sicht gebrochen. Sexualität und Religion hatten schon immer ein schwieriges Verhältnis, was der Film allerdings nicht zur Sprache bringt. Was er aber zeigt ist, wie sehr unausgesprochene Erwartungen und auch ein gewisses Unwissen über (vor allem den weiblichen) Körper zum Problem für Beziehungen werden können. Mein Eindruck ist, dass in z.B. in der Kirche das Thema gerne ausgeklammert wird. Oder haben Sie mal eine Sonntagspredigt über Sex und Lust gehört? Warum eigentlich nicht? Ist das nicht auch etwas, das zum Leben dazugehört? So gesehen ist The Invite eben auch ein Film, der uns genau zu diesem Gespräch auffordert und zeigt, wie sehr diese Themen zum Leben gehören. Denn es dürfte kaum Zuschauende geben, die sich, so sie in einer Beziehung sind oder waren, nicht auch in einer der vier Figuren (und sei es nur teilweise) wiederfinden. Auch das macht die Spannung dieses Films aus.
The Invite ist eine knisternde Drama-Komödie, die einen irgendwo zwischen „cringe“ und „lustig“ anzusiedeln ist. Das Spiel mit den Erwartungen beherrscht der Film perfekt und sorgt dafür, dass die 108 Minuten Spielzeit schnell rumgehen. Diese Einladung sollte man annehmen.