← Zurück zu den Filmkritiken
Veröffentlicht am 18. Juli 2026

Die Odyssee

Zu Gast im Land der Götter
RegieChristopher Nolan
Jahr2026
Länge173 Minuten
FSK12
Schauspieler*innenMatt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Robert Pattinson u. a.
Kinostart16.07.2026

Vater und Sohn

Christopher Nolan erzählt die Odyssee aus zwei Perspektiven: aus der Sicht des Protagonisten Odysseus (Matt Damon) und aus der Sicht derer, die daheim geblieben sind, vor allem seines Sohnes Telemachos (Tom Holland). Odysseus erzählt dabei häufig in Rückblenden von den Abenteuern, die er bei seiner Überfahrt von Troja nach Ithaka erlebt hat. Telemachos muss hingegen erleben, wie Dutzende Bewerber in Ithaka auflaufen, um seine Mutter Penelope (Anne Hathaway) zu einer erneuten Heirat zu bewegen.

So geht Kino!

Als bekannt wurde, dass Christopher Nolan die Odyssee verfilmen will, war die Vorfreude riesig. Wer sonst wäre in der Lage, dieses Epos gebührend auf die Leinwand zu bringen? Nolan wählt dabei seinen eigenen Zugang zu dem Mythos, der sehr anders ist als z. B. Troja (Regie: Wolfgang Petersen) mit Brad Pitt. Nolan zeichnet seinen Protagonisten nicht als Helden, sondern als durch den Krieg traumatisierten Menschen, der von der Erinnerung an das Erlebte heimgesucht wird. Dadurch wirkt sein Odysseus sehr viel realistischer und verletzlicher.

Zugleich bleibt Nolan aber auch sich selbst treu. Über Figuren wird nur das erzählt, was wirklich wichtig ist, um die Geschichte zu verstehen. Damit kann Nolan die Figuren des Trojanischen Kriegs stark begrenzen, manche kommen sogar gar nicht vor. Es bleiben aber auch manche Begleiter des Odysseus eher oberflächlich. Wer eine emotionale Verbindung zu den Figuren sucht, könnte daher mitunter Schwierigkeiten haben. Der Cast, der diese Figuren zum Leben bringt, ist aber wirklich beeindruckend. Matt Damon liefert noch einmal richtig ab, auch Tom Holland und Robert Pattinson wissen zu überzeugen, ebenso wie Anne Hathaway als Penelope. Allein das ist schon einen Teil des Eintritts wert.

Ansonsten ist es vor allem die Kombination aus gewaltigen Bildern und bombastischem Sound, die diesen Film wirklich zu einem beeindruckenden Erlebnis macht. Ludwig Göransson schafft mit seinem Soundtrack, der eigentlich keine orchestralen Sounds verwendet, genau den mythischen Klang, den dieser Film braucht, um sein Epos zu erzählen. Denn gerade weil Nolan keine klassische Heldengeschichte inszenieren will, wäre ein allzu triumphaler Soundtrack wohl eher verfehlt. Stattdessen bereitet der Soundtrack den Boden, auf dem die Bilder erzählen können und eine Welt erschaffen, die die Zuschauenden fast unweigerlich in ihren Bann zieht. Die Leinwand kann kaum groß genug sein, vor allem dann, wenn Action ins Spiel kommt und Odysseus und seine Gefährten in die Schlacht ziehen oder sich gefährlichen Seestürmen stellen müssen. Hier zeigt sich auch, wie groß Nolans Liebe zum “Handwerk” Film ist und was im Kino auch ohne massiven CGI-Einsatz möglich ist.

Bei aller Action, die der Film bietet, verzichtet Nolan auf übermäßige Brutalität, aber nicht auf Kämpfe. Mein Eindruck ist, dass der Film die traumatische Erfahrung des Odysseus vor allem durch die Kombination aus Bild und Ton wiedergeben will, statt durch übermäßige Brutalität im Kampf oder andere Exzesse. Das erklärt auch, warum der Film 173 Minuten braucht, denn diese Leidensgeschichte lässt sich eben nicht kurz und bündig auf die Leinwand bringen. Wenn man dann aber aus dem Kino kommt, erinnert man sich noch gut an so manches Bild. Auch das ist eine Kunst und zeigt, dass dieser Film durchaus Potenzial hat, über den eigentlichen Kinobesuch hinaus zu wirken.

Xenia und die Nächstenliebe

Aus theologischer Perspektive fällt vor allem ein Motiv auf, das für den Film von großer Rolle ist. Immer wieder wird auf das “Gesetz des Zeus” verwiesen, das es zu achten gilt. Dabei wird vor allem auf die Xenia, die Gastfreundschaft, rekurriert, die in diesem Film mehr als einmal eine Rolle spielt. Sie besagt, dass man Fremde aufnehmen und ihnen zu essen geben soll, da sie verkleidete Götter sein könnten. In der Struktur des Films kann man sie als Pendant zum christlichen Gebot der Nächstenliebe verstehen. Zugleich zeigt der Film, was passiert, wenn dieses Gebot missbraucht oder verachtet wird. Vor allem bei Odysseus erleben wir, wie er auf unterschiedliche Art und Weise über dieses Gebot nachdenkt.

Überhaupt scheint das Verhältnis von Odysseus und den Göttern eher gespalten zu sein. Zwar zeigt sich Athene (Zendaya) immer wieder als Gesprächspartnerin, doch in den Gesprächen ist Odysseus durchaus zwiespältig und hinterfragt das Handeln der Götter. Zugleich scheint er an manchen Stellen fast überheblich zu sein und die Götter überlisten zu wollen. Das entspringt zwar im Wesentlichen dem Original von Homer, passt aber auch zu einer durch Traumata gezeichneten Persönlichkeit. Gerade im Angesicht von Leid stellt sich die Frage nach Gott anders – das kann man auch in diesem Film sehen. Eine Antwort sollte man vom Film aber nicht erwarten.

Zudem könnte man den Film vor dem Spiegel der heutigen Zeit auch als einen Blick in die Seele einer “Zivilisation” verstehen, die durch Kriege gezeichnet ist und der ein grundlegendes Vertrauen ineinander abhandengekommen ist. Odysseus erlebt auf seiner Reise eigentlich keine einzige “positive” Begegnung. Nicht nur seine Figur ist gebrochen, auch diese Welt, die durch den Krieg und die Gier so mancher Männer gezeichnet ist. Ob Nolan in der Odyssee auch einen Kommentar für die heutige Zeit finden will, muss offen bleiben. Die Deutungsebene scheint aber da zu sein.

Fazit

Die Odyssee mag nicht Nolans bester Film aller Zeiten sein, aber es ist großes Kino. Die Bilder sind bombastisch, der Sound nicht minder beeindruckend, sodass die Zuschauenden in eine mythische Welt entführt werden, die noch etwas nachhallen dürfte und auch aus theologischer Perspektive spannende Anknüpfungspunkte bietet. Wer den nicht im Kino sieht, der verpasst etwas.

Film
4,5
von 5

Nah dran an Weltklasse. Auch wenn ich vielleicht noch nicht bei 100% bin - der Film lohnt sich auf jeden Fall

Geist
3
von 5

Ein oder mehrere Themen finden sich wieder, über die man auch aus theologischer Perspektive weiter nachdenken könnte.