„Der verlorene Sohn“ oder der verlassene Vater?

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Und wie ist es mit der Religion?Fazit und GesamtbewertungEinsatzmöglichkeiten und Material

Filmkritik:

Kaum ein Thema ist in christlichen Gemeinden und Kreisen so umstritten wie der Umgang mit Homosexualität. In liberaleren Kreisen wird sie weitgehend akzeptiert, in konservativen hingegen als „Sünde“ angesehen. 2019 präsentierte Regisseur Joel Edgerton mit Der verlorene Sohn einen ehrlichen und zugleich höchst beklemmenden Film.

Die wahre Geschichte (Buchvorlage: Boy Erased: A Memoir) spielt in den USA. Jared (Lucas Hedges) ist 19 Jahre alt und Sohn eines Baptistenpredigers in den amerikanischen Südstaaten. Als seine Eltern erfahren, dass ihr Sohn schwul ist, übt sein Vater (Russell Crowe) Druck auf ihn aus, dass er an einer sogenannten Konversionstherapie teilnimmt. Pikant an der Sache: Nicht Jared erzählt es seinen Eltern, sondern ein Mitschüler, der Jared vergewaltigt hat.

Plakat zu Der verlorene Sohn, © by Universal Pictures International Germany.

Im „Love in Action“ Zentrum soll Jared nun also die entsprechende Therapie machen. Seine Mutter (Nicole Kidman) fährt ihn hin und verbringt die Zeit währenddessen vor Ort. Im Zentrum erzählt „Therapeut“ Syke (gespielt vom Regisseur) den Jungen, dass sie nicht schwul auf die Welt gekommen sind. Folglich geht es am Anfang darum, dass die Jungen in ihrem Umfeld nach Ursachen suchen.

Als der Vater eines Teilnehmers seinen Sohn vorzeitig abholt und Sykes überharte Brutalität vorwirft, beginnt sich das Bild zu wenden. Jared hinterfragt immer mehr die Methoden, die vor Ort angewendet werden. Dafür nimmt er mehr und mehr Kontakt zu den anderen Jungen auf und lernt auch etwas über ihre Geschichte kennen. Außerdem lernt er von ihnen, wie er sich verhalten soll, um unter dem Radar zu fliegen.

Entscheidend ist am Ende die „moralische Inventur“, in der Jared versucht ehrlich zu sein. Als Sykes ihn dann in die Mangel nimmt, will Jared aus der Einrichtung verschwinden. Dies gelingt auch mit Hilfe seiner Mutter, die sich später auch gegenüber ihrem Mann für Jared einsetzt.

In die Handlung eingewebt sind immer wieder Rückblenden, die Jareds Geschichte erzählen. Daneben sieht man aber auch immer wieder das Ringen der Eltern mit der Liebe zu ihrem Sohn und ihrem Glauben. Auffallend sind vor allem die vielen Großaufnahmen der Gesichter. Die innere Zerrissenheit der Charaktere wird so immer wieder deutlich.

Auch wenn sich der Film durchaus um Ambivalenzen bemüht, er schlägt sich doch deutlich auf Jareds Seite, was aber nicht per se negativ ist. Dadurch wirken allerdings die konservativen Figuren manchmal sehr schroff und nicht vollständig ausgereift. Positiv ist hier am Ende die Rolle der Mutter zu erwähnen, die eine deutliche Entwicklung durch den Film durchmacht und am Ende eben auch für ihren Sohn einsteht. Daher ist man sich am Ende auch nicht sicher, ob der Sohn verloren ist, oder eher der Vater einsam und verlassen.

Und was ist mit der Religion?

Als Religiöser Film hat der Film per se religiöse Elemente. Daher macht es kaum Sinn hier auf etwas spezifisches einzugehen.

Fazit und Gesamtwertung:

Der verlorene Sohn mag von seiner Dramaturgie eher vorhersehbar sein, als Film kann er trotzdem überzeugen. Er nimmt sich dabei eines durchaus wichtigen Themas an, dass in der Kirche nach wie vor ein hohes Konfliktpotenzial birgt. Die Darstellung der Konversionstherapie wirkt insgesamt angemessen, auch wenn der Film zwischendurch durch seinen Soundtrack die Bilder etwas übertüncht. Dass im Abspann auf die immer noch gängige Praxis der Therapien verwiesen wird zeigt, dass der Film eine eher kritische Haltung einnimmt. Das sollte man im Hinterkopf haben.

Gesamtwertung: 6/10 Punkten

Trailer zu Der verlorene Sohn

Einsatzmöglichkeiten und Material:

Religionsunterricht/Jugendarbeit/junge Erwachsene:

Hier lohnt sich die Betrachtung im Hinblick auf den Umgang mit Homosexualität im Christentum. Wichtig ist dann aber eine gute Verarbeitung, in der die Standpunkte der katholischen und evangelischen Kirche (und anderer Kirchen) ausführlich besprochen werden können. Zum „einfach mal so gucken“ ist der Film ungeeignet.

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat einen Artikel „Homosexualität/en und Religion/en“ veröffentlicht: https://www.bpb.de/gesellschaft/gender/homosexualitaet/38892/homosexualitaet-und-religion-en

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